Bemerkenswert: Wendenmühle

Zum Thema Denkmalschutz und Ortsgeschichte:

„BEMERKENSWERT: WENDENMÃœHLE“

„Schützenswertes Ortsbild – Vorläufige Bestandsaufnahme Wenden 1985“ – so lautete als einer der Beiträge zum Volksfest in Wenden im Jahre 1985 der Titel einer Diaserie des Kulturvereins.

„Bemerkenswert – Wendenmühle“ stand auf einigen Dias. Einige Mitbürger standen etwas ratlos vor diesen Bildern. Eingekeilt von modernen Gewerbebetrieben rückt ein Gebäudekomplex auf dem östlichen Schunterufer mehr und mehr aus dem Bewußtsein. Er gehört neben Wenden selbst mit dem bäuerlichen Kern „Im Winkel“ und Wendebrück als Wohnplatz zu den Keimzellen des Ortes: Das Ensemble der Wendenmühle, ein „alter“ Gewerbebetrieb, gebautes Dokument der Handwerks und Industriekultur des frühen Maschinenzeitalters, untrennbar verbunden mit dem landwirtschaftlichen Produktionsbereich, Veranschaulichung der Lebensbedingungen eines ausgestorbenen Berufes.

Der langgestreckte viergeschossige Mühlenbau aus Ziegelmauerwerk mit geputzten Gesimsen und Pfeilervorlagen liegt wie eine Brücke über dem Mühlenarm der Schunter. Die ältesten vorhandenen Teile datieren von 1878. Östlich schließt sich ein zweigeschossiger Anbau von 1920 an, der dem Pächter als Wohnhaus diente. Das freistehende 2 1/2geschossige Fachwerkhaus mit massivem Sockel war das Wohnhaus des Mühlenbesitzers. Es wurde vor dem 1. Weltkrieg nach dem Brand des Vorgängerbaus mit anklingenden Jugendstilformen dieser Zeit neu erbaut.

Zu dem Ensemble gehörten noch 2 leider etwa im Jahr 2000 abgerissenene eingeschossige Stallgebäude aus Ziegelmauerwerk, die zum Mühlenbetrieb gehörten, dazu Hof, Garten, Baumbestand, der Mühlengraben mit einer Ãœberfahrt und der Turbinentechnik. Der Weg über die Wiesen führt zum Schunterwehr und weiter in Richtung Westen – zum Ortskern.

Die Wendenmühle wurde bereits 1305 in einer Urkunde erwähnt: der Adlige Heinrich von Wenden stiftete dem Kloster Riddagshausen eine halbe Mühle, die andere Hälfte war 1318 herzögliches Lehen an das Geschlecht derer von Wenden. Wahrscheinlich gibt es aber ältere Vorgänger. Die fränkischen Könige ließen in unserem Gebiet die Wassermühlen erbauen – und sich den Mühlzins zahlen. Vorher gab es nur Handmühlen. Das Mühlrecht – und so auch die Müller – waren direkt mit dem König verbunden. Entlang der Schunter läßt sich noch heute die Reihe der Wassermühlen finden: die Bienroder Mühle, die Wendenmühle und die Frickenmühle zwischen Thune und Harxbüttel.

Die Wendenmühle erlebte in wechselvoller Geschichte mehrere Brände, sie war Schrotmühle, von 1914 an Sägewerk und von 1919 bis 1924 Ölmühle. Sie wurde mehrfach umgebaut und erweitert. 1919 wurde sie nach neuesten technologischen Erkenntnissen aufgebaut und mit z.T. noch erhaltenen Francis – Turbinen ausgestattet. 1923 / 24 folgte die Erweiterung von 2 auf 3 Doppelstühle : vielleicht Stoff für eine spätere vertiefende Behandlung.

1963 zwang der wirtschaftliche Strukturwandel zur Stillegung der Mühle. Sie stand jahrelang leer, wurde als provisorischer Lagerraum genutzt, verfiel. Ende der 70er Jahre begann eine Eigentümergemeinschaft, bei der sich ein Architekt befand, das Mühlengebäude konstruktiv zu sichern und in die Substanz 3 Wohnungen einzufügen. 1984 erwarb eine zweite Gruppe von Eigentümern mit einem weiteren Architekten das Fachwerk-Wohngebäude des Müllers. Dieses Gebäude wurde 1985 von Grund auf saniert. Beide Gruppen waren und sind sich einig, den Grundsatz der Erhaltung voranzustellen und bei Veränderungen, die die neue Nutzung zeigen – und auch zeigen sollen – mit der Substanz behutsam umzugehen. Die Stallgebäude des Komplexes werden seit kurzer Zeit von einem kleinen, auf den landwirtschaftlichen Bereich ausgerichteten Betrieb genutzt.

Wie die Wendenmühle ist auch die von Bienrode umgenutzt (Elektrofima und Wohnungen), ebenso die Frickenmühle (Büro und Wohnung). Durch diese Umnutzungen – und nur so – ist eine Erhaltung dieser ortsgeschichtlich wichtigen Gebäudegruppen möglich. Sie sind Merkpunkte in den Siedlungsbildern, Dokumente der Industrie ­und Handwerkskultur. Sie gehören wie die Molkerei, die alten Schulgebäude, die Kirche usw. in die historischen Lebenszusammenhänge. Sie sind „Kulturdenkmale“, „Technische Denkmale“ mit „Zeugniswert“. Es steht dabei weniger die Qualität der Architektur im Vordergrund wie etwa bei Baudenkmälern historischer Stilrichtungen. Das Ensemble der Wendenmühle prägt den Bereich entlang der Schunter: Der strenge, kubische Mühlenbau steht zum einen im Kontrast zu den Wohn- und Nebengebäuden, zum andern zum kleinteiligen Ortskern „Im Winkel“. Ein Verfall und Abriss der Gebäude wäre für den Ort ein Verlust gewesen.

Burkhard Schwarz, Architekt, Wendenmühle 4, Braunschweig

Bemerkung : Dieser Artikel erschien u. a. 1985 als Beitrag für den „Wendener Spiegel“ (Stadtteilzeitung der SPD). Oben gezeigt ist eine Fassung mit redaktionellen Korrekturen durch den Autor 2004. Inhaltlich ist der Text als weiterhin gültig zu betrachten.

Der Autor ist Gründungsmitglied des Kulturvereins Wenden – Thune Harxbüttel und war zeitweilig Vorstandsmitglied.

Er ist auch Mitglied der Interessengemeinschaft Bauernhaus IGB.